Geschichten von Inseln und Meer

Geschichten von Inseln und Meer

Warum die Stunde 61 Minuten hat

von Inseln und Meer...Posted by jeevan 06 Apr, 2016 12:30

Eine Stunde hat 60 Minuten. Normalerweise. So hast sicher auch Du das gelernt. In Bergen auf Rügen aber ist das anders. Die Uhr an der Nordseite des Turmes der Marienkirche zeigt 61 Minuten an. Warum?

Im Herbst des Jahres 1983 fegte ein Sturm über die Insel. Dabei wurde die Uhr des Marienkirchturmes von Bergen beschädigt - eine mächtige Windböe riss das Ziffernblatt teilweise aus seiner Verankerung. Es musste ein neues angefertigt werden. Die beiden damit beauftragten Handwerker vertaten sich allerdings beim Anlegen der Markierungen - erst als sie alle 60 neuen Minutenpunkte in die Bohrlöcher eingesetzt hatten, bemerkten sie, dass noch ein Loch frei war. Weil es nun zu teuer gewesen wäre. noch einmal ein neues Ziffernblatt herzustellen, beschlossen sie nach Rücksprache mit dem Bürgermeister, auch den einundsechzigsten Minutenpunkt anzubringen und dieses wohl einmalige Ziffernblatt so am Turm zu montieren. Kaum jemand bemerkte den Fehler.

So einfach ist die Erklärung also. Oder steckt doch noch eine andere Geschichte dahinter? Hatte ihnen etwa, ohne das sie es bemerkt hatten, der Teufel die Hand geführt?

Im Jahr 1982, also ein Jahr vor dem grossen Sturm, lebte ein Junge namens Martin in Bergen. Und er verliebte sich in Marie, das Nachbarmädchen. Doch wie das schon einst bei Romeo und Julia war vertrugen sich die Eltern der beiden nicht, verboten ihnen ihre Liebe und drohten sogar damit, sie fortan an unterschiedliche Schulen weit entfernt auf dem Festland zu schicken. So konnten sich Martin und Marie nur noch heimlich treffen, worüber sie sehr verzweifelt waren.

Eines Tages trat ein seltsamer Mann an Martin heran und versprach, ihm helfen zu können. Jeder Stunde des Tages könne er eine Minute hinzufügen, behauptete er. Eine Minute, von der niemand etwas wisse - ausser Martin und Marie, die sich in dieser Minute ungestört treffen, reden, Händchen halten und sogar küssen könnten. Allerdings, so sagte der Mann, ginge das nur ein Jahr lang. Und danach müsse Martin ihm seine Seele überlassen. Da erst fiel Martin auf, dass der Mann hinkte, und dass er nach Rauch und Schwefel stank. Weil er aber ohne Marie nicht leben wollte stimmte Martin dem Handel zu. Und so geschah es: Nach jeder Stunde konnten Marie und Martin für eine Minute ungestört beieinander sein. Ein ganzes wunderschönes Jahr lang.

In einer stürmischen Herbstnacht des Jahres 1983 war das Jahr dann zu Ende, und der seltsame Mann kam wieder, um vereinbarungsgemäss Martins Seele zu holen. Doch diesmal war es Marie, die ihm einen Handel vorschlug. Er müsse eine Aufgabe lösen - wenn er dies könne dürfe er neben Martins Seele auch ihre mitnehmen. Könne er es nicht müsse er Martins Seele zurückgeben.

Nun gut, der Mann stimmte zu. Was wird ein verliebtes Mädchen schon für eine Aufgabe stellen, dachte er, dies wäre wohl eine leicht gewonnene zweite Seele für ihn.

"Gib uns den gestrigen Tag zurück, und zwar so, dass er nie aufhört." verlangte Marie. Der Teufel überlegte lange. Natürlich könnte er die Zeit zurückdrehen, doch dann wäre das Jahr noch nicht vorbei, nach dem ihm Martins Seele zustand. Und natürlich könnte er auch die Zeit anhalten, doch dann würde das Jahr nie zu Ende gehen. Als der Teufel also schliesslich begriff, dass er gegen ein verliebtes Mädchen verloren hatte, raste er vor Wut den Kirchturm hinauf, wo er die Uhr packte und aus der Mauer riss. Dann löste er sich in einer gelben Rauchwolke auf und wurde vom Sturm verweht...

Später, als die Männer das neue Ziffernblatt angebracht hatten, waren darauf plötzlich für alle sichtbar 61 Minuten zu sehen. Und Marie und Martin mussten sich nicht mehr heimlich treffen, sie hatten erkannt, dass ihre Liebe stark genug war, um jedes Hindernis zu überwinden.

Ob diese Geschichte wohl so stimmt? Wenn Du nach Bergen kommst sieh Dir die Uhr an und zähle die Minuten. Vielleicht weisst Du es dann.





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